Wildkunde

Vererbung bei Schwarzwild: Von wegen Saudumm

Keiler an Fichte
– © Marek Erich

Text: Redaktion Unsere Jagd

Schwarzwild gehört zu den erfolgreichsten Säugetieren der Welt. Doch warum ist das so? Lernen sie schneller als andere arten, oder liegt die Antwort in ihren Genen?

Nur wer in der Lage ist, die richtigen Strategien zu entwickeln, überlebt in einer sich ständig verändernden Welt. Anpassung und Lernen vollziehen sich dabei auf verschiedenen Ebenen. Alles hat nur eines zum Ziele: möglichst viele neue und gut vorbereitete Generationen in die Welt zu entlassen. Denn Erfolg im evolutiven Sinne, wird in erster Linie in der Zahl an Nachkommen bemessen.

Auf den Lebensraum geprägt 

Für ein Wildschwein bedeutet dies, möglichst schnell zu lernen und sich im Verband zu sozialisieren. Der Lernprozess erfolgt auf unterschiedliche Weise und beginnt beim Nachwuchs unmittelbar nach der Geburt. Frischlinge prägen sich dabei die Stimme ihrer Mutter ein. Sie sind sogar in der Lage, Familienmitglieder auch nach Jahren an der Stimme zu erkennen (Meinhard 1980). Auch die Prägung auf den Lebensraum erfolgt in einem frühen Lebensabschnitt. Ist dieser festgelegt, suchen sich die Stücke auch nach der Abwanderung vergleichbare Habitate. Das ist der Grund, warum es Waldsauen gibt, die ein Leben lang im Forst nach Fraß suchen und dieses Biotop kaum verlassen. Die Form des Lernens erfolgt in sogenannten sensiblen Phasen. Ist beispielsweise die Prägung auf den Artgenossen oder Sexualpartner abgeschlossen, bleibt dies ein Leben lang so. Werden Wildschweine in artfremden Sozialverbänden groß, führt dies unweigerlich zu einer falschen Programmierung. Die Tiere übernehmen dann atypische Verhaltensweisen. So wurden Wildschweine beobachtet, die sich Rehen oder Rindern angeschlossen hatten. Sie ästen die gleichen Pflanzen wie die Wiederkäuer und ruhten an Stellen, die sie sonst meiden würden.

Neben individuellem Lernen und Prägung spielt das soziale Lernen im Leben eines Wildschweins eine wichtige Rolle. Allen gemein ist, dass sich die Jungen etwas von den Alten abschauen. Die kleinen Frischlinge entwickeln dabei zum Beispiel individuelle Techniken im Zusammenhang mit dem Nahrungserwerb. Eine interessante Form sozialen Lernens ist auch die „Stimmungsübertragung“. Sie stellt die Synchronisierung des Verhaltens im Verband sicher. Legen sich die dominanten Tiere zur Ruhe, dann tun dies auch die anderen Stücke. Gleiches trifft auch fürs Nässen zu. Für die Feindvermeidung ist dieses Verhalten enorm wichtig. Flüchtet eine Rotte vor einem Beutegreifer, dann überträgt sich dieser Impuls auf den gesamten Verband. Das schließt auch jene Tiere ein, die die Gefahr noch nicht einschätzen können.

Nachwuchs auf Vorsicht programiert

Mit hoher Wahrscheinlichkeit beginnt dieser Lernprozess bereits vorgeburtlich. Im Tierversuch an anderen Arten konnte bereits gezeigt werden, welchen Einfluss bestimmte Prozesse auf die Embryonen haben können. Ist das Muttertier beispielsweise hohem Stress ausgesetzt, kann dies nicht nur die fetale Entwicklung beeinträchtigen, sondern auch dauerhafte Spuren bei der neuen Generation hinterlassen! Die Wissenschaft nennt dies „epigenetische Vererbung“. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass die genetischen Informationen des Nachwuchses beeinflusst werden, obwohl das Muttertier zum Zeitpunkt der Ereignisses noch gar nicht trächtig war. Grund ist der langfristige Einfluss von Hormonen oder Metaboliten (Zwischenprodukt in einem meist biochemischen Stoffwechselweg). Sie führen dazu, dass die Ableserate von Genen gesteigert oder herabgesetzt wird. Interessant ist dabei, dass diese Information auch von Vätern auf ihren Nachwuchs übertragen werden kann, ohne das jemals irgendein Kontakt zu ihm bestanden hat! 

Bache säugt Frischlinge
Kommunikativer Sozialverband: Frischlinge erkennen ihre Bache an der Stimme.

Projiziert man die Ergebnisse mit gebotener Vorsicht auf unsere Wildschweine, könnte beispielsweise der Abschuss eines Stückes aus der Rotte ein derartiges Ereignis darstellen und entsprechende Spuren hinterlassen. Demnach kann der Verlust eines Tieres nicht nur das aktuelle Verhalten beeinflussen, sondern ist gewissermaßen auch genetisch speicherbar.

Raumnutzungsstudien belegen, dass besonders alte Bachen ein extrem vorsichtiges Verhalten aufweisen. Sie sind in der Lage, zwischen verschiedenen Störungen zu unterscheiden. Menschen werden dabei nicht grundsätzlich als gefährlich eingestuft. Sauen, die gelernt haben, sich dem jagdlichen Zugriff zu entziehen, werden zum Teil sehr alt. Sie wissen, wann und wie sie sich zu bewegen haben, um ihre Schwarte zu sichern. Dank der genauen Differenzierung von Störquellen, können sich die Stücke frei bewegen und nutzen die „sicheren“ Räume sehr effektiv. In einer aktuellen Rostocker Untersuchung zeigte sich, dass die Bachen vor Ort im Schnitt 7,2 Jahre alt werden (Zoller 2015). Einige der untersuchten Tiere waren sogar über zehn Jahre alt! Die Erfahrung solcher alten Stücke kommt natürlich den Frischlingen zugute. Denn sie kopieren das Verhalten ihrer Mütter. 

Verschiedene Typen und Charaktere

Wie Sauen ihr Leben bewältigen, ist auch vom jeweiligen Typ abhängig. Wer regelmäßig Schwarzwild beobachtet, wird unterschiedliche Charaktere erkennen. Und das ist gut so. Eine Population ist nur erfolgreich, wenn sie sich aus verschiedenen Typen zusammensetzt. Während das konservative Stück im Streifgebiet bleibt, wird sich der Ungestüme auf die Reise machen und einen neuen Lebensraum erobern. Solche Eroberer haben es oft schwer und viele erreichen ihr Ziel nicht. Aber einige kommen durch, etablieren sich im neuen Gebiet und bilden dort Subpopulationen. Davon profitiert die gesamte Art. Sauen sind aber auch so erfolgreich, weil sie eine gewisse Intelligenz besitzen. Dazu hat ganz wesentlich das Leben in der Rotte beigetragen. Denn das Leben im Verband ist ein wesentlicher Motor für die Hirnentwicklung einer Spezies. Dementsprechend ist das sogenannte soziale Gehirn und die allgemeinen geistigen Fähigkeiten umso größer, je komplexer ein Verband organisiert ist. 

Vererbte Angst

Um zu erfoschen, wie Vererbung beziehungsweise Epigenetik funktioniert, wurden Mäuse von Wissenschaftlern mithilfe leichter Stromstöße negativ auf den Duft von Kirschen konditioniert. Als Reaktion darauf erhöhte sich die Sensitivität für diesen Duft bei der nachfolgenden Generation. Selbst die Folgegeneration reagierte verängstigt auf den Kirschduft, ohne dass diese jemals eine negative Erfahrung damit gemacht hatten (Dias und Ressler 2014).

Labormaus
Mäuse erben die Ängste ihrer Eltern.

Erklärung: Der Sinn dieses unglaublichen Mechanismuses liegt darin, die Nachkommen bestmöglich auf die aktuell vorherrschenden Umweltbedingungen vorzubereiten.

Interessant ist dabei, dass diese Angst auch von Vätern auf ihren Nachwuchs übertragen werden kann, ohne das jemals irgendein Kontakt zu ihm bestanden hat! Kaum zu glauben aber wahr. Dr. Konstantin Börner

Unsere Jagd digitale Ausgabe
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